"The new currency won't be intellectual capital. It will be social capital - the collective value of whom we know and what we'll do for each other. When social connections are strong and numerous, there is more trust, reciprocity, information flow, collective action, happiness, and, by the way, greater wealth."

James Kouzes

Socialcap

SOCIAL CAPITAL

Was steckt hinter Sozialkapital?

Da hört oder liest man nun immer öfter das neue Wort „Sozialkapital“. Hervorgebracht wurde es von westlichen Sozialwissenschafter wie Coleman, Putnam, Bourdieu in Bestsellern, die sich an eine kritische Bildungsschicht wenden.

Bezeichnet wird damit der Vorteil enger Bindungen und guter Beziehungen in der besseren Gesellschaft und in religiösen und politischen Gemeinschaften. Als ob man das nicht schon immer gewusst hätte.

Und auch nicht ganz neu ist der Alarm, dass sich diese beglückenden und bereichernden Verbindungen in unserer immer reicher werdenden Gesellschaft nicht mehr weiter vermehren, sondern zunehmend auflösen.

Der Schlagwort-Titel von Putnam´s Hauptwerk „Bowling alone“ hat das bild­haft eingefangen: statt in fröhlicher Kegelrunde scheibt man einsam die Kugel, statt dem Wandern mit Freunden und Bekannten tritt man verlassen den Home-Trainer, statt in der Prozession Gott zu loben, jubelt man „Tor, Tor“ vor dem TV-Screen. Und die Meldungen bringen nüchterne Zahlen dazu: die katholische Kirche in Österreich hat 2005 „nur“ 40.000 zahlende Mitglieder verloren, der ÖGB hat im selben Jahr „nur“ 20.000 und 2006 sogar 63.000 (!) Austritte verzeichnet.

Aber für wen ist das ein Kapital-Verlust? Ist nicht der Starke allein am stärksten? Brauchen wir die Großfamilie für die Pensionssicherung, die Parteimitglieder für die Demokratie, den Betriebsausflug für das Betriebsklima? Darüber lässt sich streiten und trefflich polemisieren. Denn selbst wenn einige Studien hier eine Bedrohung aufzeigen, finden andere Experten gute Argumente, dass Wirtschaftswachstum, Lebensverlängerung und Kriminali­tätsbekämpfung eher dort funktionieren, wo das Streben nach Erfolg und Leistung, wo persönliche Entfaltung und Lustgewinn die traditionelle Gemeinschaftsmoral verdrängen.

Und da die Kassandrarufe hier eher konservativ klingen, mit ihrer Verherrli­chung alter Gemeinschaften und der neuen Verschmelzung von „sozial“ und „Kapital“, begegnen gerade auch die „Linken“, die „Progressiven“ und erst recht die „Gesellschaftskritischen“ dem Begriff Sozialkapital eher skeptisch.

Nun haben, seit der Jahrtausendwende, die Weltbank und die OECD (Orga­nisation for Economic Cooperation and Development) diesen eigenartigen verbalen Zwilling auf ihr Banner geheftet.

Ihre Begründung dafür ist handfest. Der Siegszug von Wirtschaftswachstum, Wohlstand und Demokratie seit dem Kollaps der europäischen Zivilisation in den zwei Weltkriegen - von 1914 bis 1945 - wurde zuerst mit finanzieller Entwicklungshilfe (Finanzkapital) gestützt, dann durch die Bildungsexpansion (unter dem Schlagwort „Humankapital“) angetrieben. Bis zur Bekehrung der Planwirtschaften zur Markt-Demo­kratie und dem Wiedererwachen terroristischer Gewaltpolitik schien eine friedliche Wohlstandsentwicklung durch Finanzspritzen in die Armutsgebiete und mehr Kinder in höheren Schulen als das globale Erfolgsrezept.

Doch mit der Jahrtausendwende wurde in den globalen internationalen Organisationen klar, dass noch nicht das Ende der Geschichte angekommen sei. Ihr Erfolgsrezept droht zu versagen, wo die Gesell­schaft versagt. Finanzhilfen versickern in Korruption, die besser Gebildeten verlassen ihre Heimat, die ihnen nicht mehr soziale Heimat ist. Ohne Bindungen, Moral und gegenseitiges Vertrauen - und genau als das wird Sozialkapital definiert (Ties, Norms, Trust) - stürzt die Modernisierung ab. Also muss Sozialkapital her.

Ein neues Programm wurde von der Weltbank verkündet und von der OECD initiiert. Die Mitgliedstaaten wurden aufgefordert, sich um ihr Sozialkapital zu kümmern - und davon international zu berichten.

Zum Persönlichen: die österreichische Bundesregierung delegiert mich 2002 als Experten in das OECD-Programm. Dafür bin ich Frau Bundesminister Gehrer und dem Bildungsministerium (BMBWK) bis heute dankbar, auch wenn ich in vielen Punkten im Widerspruch zur Regierungspolitik stehe. Es hat mir die Gelegenheit gegeben, als Wissenschafter an einem Stück kultureller Evolution teilzuhaben.

Was hat nun das Sozialkapital-Programm der OECD bislang hervorgebracht?

Da möchte ich auf drei Schwerpunkte hinweisen:

  • die Einsicht in die Ganzheitlichkeit von Sozialkapital,
  • die Möglichkeiten der Messbarkeit,
  • der Paradigmenwechsel vom „Top-down“ zum „Bottom-up“ in der Messung wie in der Förderung von Sozialkapital.

Am Anfang stand die Frage, was eigentlich zum Sozialkapital gehöre - Familie, Nachbarschaft, Betrieb, Vereine, Parteien, Kirchen, Kommunen, Schulen, Nationen, Religionen? Wo das doch in jeder Kultur anders aussieht - und jeweils andere Wissenschaftsdisziplinen dafür zuständig sind.

Die Antwort ist: Alle gehören dazu.

Sozialkapital, die emotionale Bindungskraft, entsteht und wirkt ganzheitlich, als Produkt aller sozialen Beziehungen, für jeden Menschen eigens und in jeder Gruppe, jedem Netzwerk spezifisch. Es ist verderblich, Zusammenhalt und Motivation über eine einzige Schiene anzustreben. Daran sind große monolithische Bewegungen gescheitert und viele Gemeinschaften zerbrochen. Sozialkapital bedeutet die Einheit in der Vielfalt.

Dazu fließen nun immer mehr Einzelstudien zu einem Strom an systemischem Verständnis zusammen. Doch die Bächlein sind noch klein. Um die Wirkungen von Sozialkapital in unterschiedlichen Systemen und Kulturen zu erkennen, muss und will man die Entwicklungen über Jahre verfolgen, Experimente machen. Damit hat man erst begonnen. Die internationalen Fachkonferenzen dazu werden häufiger: London, Budapest, Palermo, Wien, Kopenhagen.

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Etwas messen können, bedeutet Macht über das Messbare gewinnen, erlaubt das Experimentieren und die Kosten-Nutzen-Rechnung. Der Erfolg der neuzeitlichen Techniken beruht auf dem Messbarmachen von Zeit, Energie, Finanzkraft, Intelligenz durch Uhren, Thermometer, Geld, Tests. Die Bindungskraft von Gemeinschaft war bisher nicht messbar. Es gibt kein Lie­besmetermaß oder Glaubensbarometer. Ansätze dazu, ja, in den Sympathie-Tests für Markenartikel, Politiker und Stars, in den Betriebsklima-Untersuchungen und Wählerbefragungen. Aber da werden immer nur einzelne - oft sehr spezielle und winzige - Teilaspekte unter die Lupe genommen.

Wenn es gelingt, Aufstieg und Niedergang von Gemeinschaft zu verfolgen wie Wirtschaftswachstum und Inflationsraten, die Schäden von sozialer Ausschließung und Konflikt durch Frühwarnsysteme zu orten, wie sie für Umweltverschmutzung funktionieren, dann ändert sich viel. Dann gehen bisherige Leerformeln wie Solidarität, Gleichheit, Brüderlichkeit in die Bilanzen ein.

Die Messtechnik steht da zwar noch am Anfang. Sozialkapital-Bilanzen aus Kommunen, Wohngebieten, Betrieben, Schulen etc. liegen schon vor.
(Eine Projektliste senden wir Ihnen gerne zu >> Email.)

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Dabei ist deutlich geworden, dass Sozialkapital für eine ganze Nation schwer einheitlich zu messen und erst recht schwer zu produzieren ist. Zusammenhalt wird in den kleinen Einheiten geschmiedet, wo Mensch zu Menschen steht. Und nur von unten her - „bottom up“ - lassen sich die großen Glaubens- und Wertegemeinschaften aufbauen, die neue Ideen zum Tragen bringen.

In der Sozialkapital-Forschung geht man daher zu Studien an kleineren Einheiten über, in Sozietäten, die aus der Selbstbetrachtung Verbesserungen ableiten und deren Erfolg dann „bemessen“ lassen. Solche experimentelle „Action Research“ soll die bisher vorherrschenden nationalen und internationalen Studien zur Politik-Beratung, die „Policy Research“, ergänzen und ersetzen. In Österreich haben wir diesen Weg schon beschritten, mit einer Serie von Sozialkapital-Studien in Schulen, in Landgemeinden, in Ämtern und Behörden, in Mittelstädten und urbanen „Grätzeln“, in Vereinen, einem Kinderdorf, einem Krankenhaus und sogar bei Arbeitslosen-Kursen.

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Es entspricht dem Ganzheits-Konzept der Sozialkapital-Theorie, dass neben dieser praxisnahen Aktionsforschung auch in Österreich ein philosophischer gesellschaftspolitischer Diskurs läuft, in Arbeitsgesprächen und Veranstaltungen des Bildungsministerium und des Lebensministeriums, des Club of Rome und des Club of Vienna, der Waldviertel Akademie. Da kristallisiert sich, auch dokumentiert in Experten-Befragungen („Delphi-Studien“), ein Geschichtsbild heraus, das die Entwicklung der Kulturen in der steten nachhaltigen Erneuerung des Bewährten sieht.

Und dieser gesellschaftliche Balance-Akt zwischen Erstarrung und Revolution, in der vorsichtigen Selbststeuerung der Gesellschaft, haben immer nur Kulturen mit starkem Sozialkapital, mit enger Gemeinschaft und hohen Zielen, zuwege gebracht - das antike Athen, das Frühchristentum, das Stadtbürgertum des Mittelalters, das Amerika der Gründungsväter, die kleinen stabilen Demokratien der Schweiz und Skandinaviens. Wo immer dieser ausgleichende Zusammenhalt verloren gegangen ist und Machtballung, Zentralisierung und Konflikt, des augenblicklichen Erfolgs willen, die Oberhand gewonnen haben, führte das in die Katastrophe.

Sozialkapital und eine anerzogene, in der Gemeinschaft gelebte Kultur des nachhaltigen Gemeinwohls standen immer an der Wurzel fortdauernden Erfolgs von Gesellschaften. Und heute sucht eine globale Zivilisation die Balance zwischen Technologie und Menschlichkeit, zwischen Mobilität und Heimat, zwischen Naturbeherrschung und Natürlichkeit. Dazu braucht es viel Sozialkapital.

Eine solche Erneuerungskultur ist aber schon unterwegs. Ihre Ziele und Werte werden immer lauter verkündet und gepredigt: Glück ohne Sucht, Wohlstand ohne Ressourcenverschwendung, Arbeit als Selbstentfaltung, Vielfalt ohne Fremdenhass, Verteilungsgerechtigkeit ohne Klassenkampf, soziale Sicherheit mit Leistungsbelohnung. Auf ihren Bannern wird verkündet: Lebensqualität, Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Sozialkapital, Weltethik.

Viele reden schon davon, nur eine kleine Minderheit lebt es. Vielleicht fünf Prozent, vielleicht zehn, wenn man die gute Absicht auch schon gelten lässt. Das reicht, immer wieder Themen dieser Kultur in die Politik zu bringen. Aber eine konsequente Nachhaltigkeitspolitik kann sich erst durchsetzen, wenn schon eine Mehrheit danach lebt. Dann müssen Markt und Politik auf die Wünsche der Kunden und Wähler reagieren.

Wie rasch sich aber ein solch neuer Denk- und Lebensstil ausbreitet, hängt nicht in erster Linie von den Medien ab, sondern von der Ansteckungskraft des Glaubens und der Begeisterung - ohne die auch die Ausbreitung von Information nur oberflächlich das Verhalten ändert. Es sind die Kontakt-Gemeinschaften, von Freundeskreis und Nachbarschaft bis zu Pfarre und Pa­teisektion, und die Glaubens-Gemeinschaften, von der Fußball-Fan-Gemeinde und der Firmenfamilie bis zu Nation und Religion, die den Menschen formen, motivieren und mitreißen. Und die, in irgendeiner Form, jeder Mensch zu Sinnfindung, Glück und Gesundheit braucht.

Eine solche Philosophie stellt Sozialkapital als gleichwertig neben Geld und Wissen (Finanzkapital und Humankapital). Der verfängliche Anklang des Begriffs an die politischen Widersacher Sozialismus und Kapitalismus gewinnt damit eine symbolische Bedeutsamkeit. Sozialkapital ist das Verbindende zwischen den Gegensätzen, die erst in ihrer Harmonie die Ganzheit ausmachen.

Schön wäre es, wenn man nach Jahrtausenden von Konflikt, Kampf und Krieg, den „Kitt der Gesellschaft“ - wie Sozialkapital auch genannt wird - tatsächlich nicht nur messen, sondern auch herstellen könnte.

Ernst Gehmacher
Wien, Mai 2006
Aus einem Vortrag auf der
Donau-Universität, Krems

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